Heinrich Sontag 25

Kurze Zeit später wurde der Diktator Trujillo umgebracht und es herrschte für einige Zeit in San Domingo Chaos. Wir waren froh von dort weg zu sein. Es war natürlich nicht das Gleiche für uns, wie für andere junge Menschen. Obwohl wir die Möglichkeit hatten nach Wien zurückzugehen, hatten wir doch noch die offenen Wunden des Krieges und damit auch die Erinnerungen wie sich unsere Mitbürger, Freunde und Nachbarn unmittelbar nach dem Anschluss benahmen. Mein ganzes Leben hatte ich in Wien, welches ich so sehr liebte, gelebt. Ich bin da aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe da meine Jugend verbracht, es war ein ganzes Stück von mir. Und auf einmal war ich ein Fremder, ein Unerwünschter, ein Paria in meinem Land. Schlimmer noch, ich musste Familie und Heim verlassen, mich verstecken und fliehen. Wo gehörte ich hin? Wir waren alle aufs tiefste verwundet und suchten eine Heilung. Unser Seelenzustand war so, dass wir versuchten alles was geschah zu vergessen. Das Leben ging weiter, man benötigte Nahrung, Kleider, Wohnung. Wir mussten aber nach vorne schauen. Heimat? Was ist Heimat? Ist das der Ort den Du liebst und wo man dich nicht will und von wo man dich vertreibt? Die Menschen, die nach ihrer sogenannten Heimat zurückkehrten fragte man: „Ja wieso hast denn du überlebt, was willst du noch hier?“ Heimat? Oder ist das der Ort wo man versucht ein neues Leben zu gestalten, aber trotzdem in der Fremde ist?
Wo man erst lernen muss sich mit der Umwelt zu verständigen? Menschen, die so wie wir gewaltsam entwurzelt waren, können sich nie mehr wieder wo anderes zu Hause fühlen, so wie sie sich in der vergangenen sogenannten Heimat fühlten. Die Wunden sind so tief, dass bis zum heutigen Tage, nach über einem halben Jahrhundert, wann immer die noch wenigen Überlebenden des Holocaust zusammenkommen, man immer irgendwie auf das Thema von diesen schrecklichen Zeiten kommt. In dem Chaos, das unmittelbar nach dem Krieg herrschte, versuchte man zuerst einmal sich zu Recht zu finden. Das Schuldgefühl, welches du erwähnt hast, lastete auf allen Überlebenden.
Mein kleines Schwesterl, nach allem was geschehen war, wieder zu sehen, war nicht nur eine große Freude, es war auch ein Ereignis. Wie ich bereits vorher beschrieben hatte, musste Lotte nach ihrer Rückkehr Belgien wieder verlassen, um in Wien ärztliche Pflege die sie dringend benötigte, zu erhalten. Zu dieser Zeit lernte sie deinen Papa kennen und die beiden wurden ein Paar. Sie beschlossen vor der Hochzeit ihre Familie in England zu besuchen.
Die Familie deines Vaters lebte damals in London und Clary mit Familie in Cambridge. Sie mussten zu diesem Zweck durch Belgien reisen. Meine Freude Lotte wieder zu sehen und Hugo kennen zu lernen, war aber rasch gedämpft, als ich erfuhr, dass sie zwar über Belgien im Transit nach England durchreisen müssten, aber sie konnten kein Visum bekommen, um einige Tage in Belgien mit uns zu verbringen. Der Zug aus Wien musste in Brüssel für eine kurze Zeit halten und so gingen Dora und ich zum Bahnhof, um sie beide wenigstens für einige Minuten zu sehen. Ich hatte mir aber fest vorgenommen ihnen zuzureden, den Zug zu verlassen und für einige Tage mit uns zu sein. Trotzdem sie Angst hatten mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, war es mir möglich ihnen zuzureden, den Zug zu verlassen und wenigstens drei Tage bei uns zu bleiben. Du fragst, ob wir froh waren überlebt zu haben?
Ich glaube das es in unserer Natur liegt, wenn man so eine Katastrophe überlebt, eine gewisse Zufriedenheit zu fühlen, obwohl man sich immer wieder fragt: Wieso ich? Wieso bin gerade ich am Leben geblieben und was habe ich unterlassen, um anderen zu helfen?