Heinrich Sontag 20

Anfang 1951 kamen die Dokumente und wir wechselten wieder einmal unseren Wohnsitz. Für unsere Auswande­rung benötigten wir unsere Geburtsscheine. Dora hatte ihren und Henri, der in Brüssel geboren war, hatte sogar einen belgischen Reisepass. Lemberg fiel nach dem Krieg an die Sowjetunion und so meldete ich mich bei der russischen Vertretung in Brüssel, um einen Geburtsschein zu fordern. Ich wurde auf dem Konsulat belehrt, dass ich dadurch, dass ich in Lemberg zur Welt kam, das Recht hatte, die sowjetische Bürgerschaft zu erlangen. Und man fragte mich, ob ich von diesem Privileg Gebrauch machen wolle. Ich sagte nein danke. Ich spreche weder russisch, noch habe ich jemals in Russland gelebt. Worauf der Beamte, ohne ein anderes Wort zu sagen, mit ausgestrecktem Arm mir die Türe zeigte. Genau dieselbe Szene hatte sich während des Krieges in Brüssel 1941 abgespielt. Mein Vater hatte damals noch seine Eltern und Geschwister in Lemberg. Eines Tages erhielt ich von meiner Tante Betka aus Lemberg eine Postkarte, mit der Bitte, ihnen ein Lebensmittelpaket zu schicken. Sie schrieb auch unter anderem, dass sie seit Monaten weder Basser noch Cheme gesehen hatten. Die deutsche Zensur unterstrich diese Worte mit roter Tinte und schrieb darüber „weder Fleisch noch Butter für Juden“ (auf hebräisch bedeutet Basser Fleisch und Cheme Butter). Ich ging darauf hin zur zuständigen Behörde, um mir eine Bewilligung zu verschaffen, um ein Lebensmittelpaket senden zu dürfen. Der Beamte fragte mich, ob diese Leute Juden seien und auf meine Antwort reagierte der in Soldatenuniform gekleidete Beamte genau wie der Russe. Und in beiden Fällen war ich froh, wieder aus dem Gebäude draußen zu sein. Nachdem ich alles, was wir besaßen, verkauft hatte, hatten wir gerade genug für die Reise nach Santo Domingo. Im Frühjahr 1951 übersiedelten wir, diesmal freiwillig, nach Sosúa und ich übernahm eine aus 50 Hektar Land bestehende Farm. Nachdem die Verbindungen damals noch nicht normal waren, dauerte unsere Reise ca. 3 Wochen. Am Tag, an dem wir dort ankamen, war es schrecklich heiß, 33 Grad Celsius und sehr, sehr feucht. Elie holte uns vom Schiff ab und wir fuhren quer durch das Land von der Hauptstadt an der südlichen Küste nach Sosúa an der Nordküste. Die Armut, die wir unterwegs sahen, Bretterhütten mit Dächern aus Palmblättern, die ungepflasterten Straßen in den Dörfern, die wir passierten, machten auf mich einen bedrückenden Eindruck. In Sosúa lebten wir uns aber schnell ein. Am Anfang arbeitete ich bei Elie im Geschäft und nahm dann später eine Stellung als Magazinarbeiter bei der „Dorsa", die die Kompanie in Sosúa verwalteten, an. Dora arbeitete als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft und Henri ging ins Gymnasium nach Puerto Plata, wo er von einer dominikanischen Familie für 50 Dollar pro Monat aufgenommen wurde. Unser Leben dort war zwar sehr eingeschränkt, aber sorglos. Für die Arbeiten auf der Farm hatte man Eingeborene, die für ein bescheidenes Gehalt arbeiteten.