Elie Topf 27

Wir konnten sie natürlich nicht sofort besuchen, aber als wir sie besuchen kamen dachten wir, wir würden eine Mama finden, die gekränkt und weinend ist. Aber wir fanden eine Frau vor, die sehr zufrieden war und uns tröstete. „Zerbrecht euch nicht den Kopf. Mir geht’s gut. Die Schwestern sind sehr gut zu mir. Sie haben mir eine Maschine gegeben. Ich kann arbeiten, ich mache alle Sachen für sie. Ich habe zu essen und trinken und mir ist nicht kalt.
Ich habe zum Anziehen. Ich bin sehr gut aufgehoben. Wenn ihr könnt, so bringt mich raus, aber zerbrecht euch nicht den Kopf, wenn es auch ein bisschen länger dauert“. Es dauerte eine Weile, bis wir eine Rechtsanwältin fanden, die uns half.
Marianne: Glaubst du, dass die Mutter dort im Gefängnis so sicher war, dass sie, wenn sie dort geblieben wäre, überlebt hätte? Waren diese Nonnen nicht so nett, dass sie sie versteckt hätten?
Von meiner Seite kann ich nur eines sagen: Im Nachhinein weiß man immer besser, was gut ist. Stell die vor, deine Mutter wird ins Gefängnis gebracht Würdest du nicht alles tun, um sie herauszubekommen? Und ist es nicht der Gedanke auch der Mutter, so schnell wie möglich wieder herauszukommen? Sie war ungefähr ein Monat in Haft.
Sie war sehr zufrieden als sie herauskam, so wie wir alle. Wir waren wieder zusammen und das Leben ist wieder weitergegangen. Unsere Perspektive war die Situation in Europa. Jeden Moment haben wir den Ausbruch des Krieges erwartet. Wir wussten, dass Hitler keine Ruhe geben wird. Dass er ein Stück nach dem anderen in Europa einnehmen wird. Mit oder ohne Gewalt. Außerdem haben wir genau gewusst, dass die Alliierten nicht auf einen Krieg vorbereitet sind. Aber man hoffte, dass die Alliierten einen Pakt schließen und der Aggression von Hitler entgegentreten würden. Wir hofften natürlich, dass sie erfolgreich sein würden. Wie es dann gekommen ist wissen wir heute. Wir dachten aber nicht, dass wir in Belgien bleiben können. Die Situation spitzte sich so zu, dass man die Invasion erwartete. Die Belgier wurden plötzlich sehr nervös. Sie riefen alle männlichen Flüchtlinge auf, sich zu melden, um in ein Sammellager geschickt zu werden. Sie hatten Angst vor Spionen und Provokateuren unter den Flüchtlingen, was natürlich lächerlich war. Sie wollten sie in Arbeitslagern unterbringen, oder in Sammellagern.
Ein Freund riet uns, Heini und mir, dass wir uns für das Lager in Halle melden sollten, das war eine Vorstadt von Brüssel. Wir dachten nicht daran, unterzutauchen Wir wollten legal bleiben und so meldeten wir uns dorthin.
Wir sollten dort ein neues Gewerbe erlernen und es war sehr vielversprechend, dass wir dort ausharren können. Trotzdem haben wir uns zusammengetan und sagten uns, dass der Krieg ausbrechen könne, die Deutschen könnten invadieren. Falls das der Fall sei, so dachten wir, was ein Wunschtraum von uns war, dass die Deutschen in Nordfrankreich aufgehalten würden und wir Südfrankreich erreichen sollten. Wir nahmen uns vor, irgendwie zu flüchten und dass wir uns in der Nähe von Toulouse irgendwie wiederfinden würden. Tatsächlich war dann am 10. Mai die Invasion. Wir waren schon einige Wochen in Halle.