Elie Topf 21

Mein Vater hat uns auch Namen und Adressen von Bekannten von ihm gegeben, die schon in Brüssel waren und auch schon Verbindung zu Schmugglern hatten. Und so konnten wir etwas unternehmen. Und auch von solchen, die illegal in Brüssel gearbeitet haben. Das waren auch Hausierer. Sie haben Büroartikel en gros eingekauft, gingen in große Büros, erzählten irgendwelche Geschichten über ihre Flucht, und dass sie einiges aus ihren Geschäften mitgenommen hätten und dies jetzt in Brüssel verkaufen. Es war zwar nicht die ganze Wahrheit, aber so konnte man Mitleid erregen. Heini und ich wandten uns an diese Menschen. Sie erklärten und zeigten uns einiges, natürlich nicht alles, wegen der Konkurrenz, aber doch einiges. So gut wir es konnten versuchten wir unser Glück und es gelang uns, genug Geld aufzutreiben, um Lotte und Herta zu helfen. Am ersten Tag erkundigten wir uns, wo wir wohnen könnten. Wie gesagt, damals war ein Nationalfeiertag, alles war gesperrt. Wir wussten nichts, Leute zeigten uns, dass vis-à-vis von der Volksküche eine Madame Hirsch wohnt, die an Emigranten Betten vermietet. Heini schlief die erste Nacht bei einem Freund. Die zweite Nacht gingen wir zu Madame Hirsch und fragten sie um ein Zimmer.
Ich erzähle jetzt eine Episode die zeigt, wie wir oft geglaubt haben, dass Leute uns helfen würden und dann nützten sie uns aus. Diese Madame Hirsch gab uns ein Zimmer, das angeblich im Erdgeschoß, in Wirklichkeit aber in Keller war. Heini ging am Abend ins Zimmer, es gab eine kleine düstere Lampe und legte sich ins Bett. In der Nacht hörte er plötzlich, dass die Türe aufgeht, jemand ins Zimmer kommt ohne das Licht anzumachen, sich aufs Bett setzt und sich die Schuhe auszieht, um sich zu Heini ins Bett zu legen. Heini erschrak natürlich. Der konnte doch weder Deutsch noch Französisch. Also das Bett wurde zweimal vermietet. Es stellte sich dann heraus, dass der Mann ein Türke war, auch ein Emigrant, der auch für sein Bett bezahlte, so wie Heini für das Bett bezahlt hatte. Er konnte dann mehr recht als schlecht erklären, dass er zeitlich in der Früh wieder wegmüsse, dann käme die Polizei. Und da er keine Papiere hatte, hatte er Angst, man würde ihn abholen. Was konnte Heini da noch machen? So sind sie halt zu zweit im Bett gelegen. Also so war die Situation der Emigranten. In der Früh ist der Mann dann verschwunden. Die erste Sache war, dass wir zu Madame Hirsch gingen und sie fragten, was da los sei. Aber sie meinte, dass wir Verständnis haben sollen, er sei auch ein Emigrant. Aber natürlich war sie diejenige, die kein Verständnis gehabt hat. Sie nahm das Geld und steckte es ein. Das Zimmer war aber auch gar kein Zimmer, sondern ein Zimmer, das mit Karton abgeteilt war in drei Zimmer. Also so haben die Menschen da gehaust. Ich selbst habe vom Matteotti-Komitee eine sehr angenehme Behausung bekommen. Ich hatte ein Bett in einem Arbeiterheim. Dort war auch eine Dusche, wo ich mich in der Früh waschen konnte, was mir sehr angenehm war, nach dieser furchtbaren Fahrt oder Flucht. Also ich war sehr froh darüber. Meine Bons waren auch nicht für die Volksküche, sondern für ein Restaurant im „Maison du Peuple“. Es war ein sehr feines Restaurant, ich konnte da ein ganz gutes Menü essen. Natürlich bin ich dann mit Heini in die Volksküche gegangen. Er hat mit mir geteilt, was er da bekam und dann sind wir in das „Maison du Peuple“ und dort habe ich dann geteilt, was ich bekommen habe. So sind wir ganz gut ausgekommen. Wir haben dann begonnen, etwas zum Wohnen zu suchen, damit wir etwas haben, wenn Lotte kommt.