Elie Topf 19
Wir waren glücklich, dass wir von der Polizei eine Aufenthaltsbewilligung bekommen haben, die zwar nur temporär war, aber wir konnten sie dann immer verlängern. Wir wurden als Flüchtlinge bezeichnet. Die Polizei in Brüssel war sehr fair zu uns, was für die damalige Zeit eine große Sache war. Die meisten Regierungen haben die Flüchtlinge sofort wieder nach Deutschland zurückgeschickt. Das war die Schweiz, das war Frankreich, Belgien, Holland und England, alle. Nach England hat man sowieso nicht können, denn da hätte man über den Kanal gehen müssen.
So hatten sie eine genaue Kontrolle über die Einwanderung von Flüchtlingen. Sie ließen Menschen herein mit gültigen Reisepapieren, die sich als Hausgehilfen anstellen ließen. Sie haben auch einige wenige Kindertransporte hereingelassen. Die Flüchtlingslage in ganz Europa war sehr mies. Es war furchtbar. Besonders in unserer Situation ohne Papiere war es ganz furchtbar, weil die Behörden überhaupt nichts von uns wissen wollten. Also hatten wir großes Glück, dass wir Papiere bekamen. Nun war die Frage, wie wir Lotte rüberbringen könnten.
Inzwischen waren Liesl und Clary ausgewandert, Heini und ich waren schon in Sicherheit, jetzt waren nur noch die Lotte und die Mutter da. Zuerst hat die Mutter schauen wollen, dass Lotte wegkann. Sie wusste, dass Lotte politisch gefährdet war. Jeden Moment hat sie erwartet, dass die Gestapo aufkreuzen wird und sie abholt. Viel Geld hat meine Mutter damals nicht gehabt. Sie hatte gerade das Nötigste zum Leben. Sie konnte nicht mehr so arbeiten wie vorher, sie hatte ihre Wohnung verloren und es war ihr sehr schwer, das tägliche Brot zu verdienen. Lotte selbst hat auch nichts gehabt. Sie hat sehr bald ihren Posten verloren, weil sie Jüdin war.
Sie hat sich mit ihrer Freundin Herta zusammengetan, sie hat übrigens damals Lotte sehr ähnlich gesehen. Man musste schon ein bisschen Phantasie haben. Jedenfalls haben sie wie zwei Schwestern ausgesehen. Herta haben wir gut gekannt. Sie war ein sehr liebes Mädel. Also sie wollten zusammen weg von Wien. Ich weiß nicht wie sie sich das Geld für die Bahn auftreiben konnten. Wir haben ihnen dann mit Geld geholfen, über die Grenze zu kommen. Es gab immer Schmuggler, die die Leute über die Grenze geführt haben. Wir nahmen Kontakt auf und wussten, wieviel wir ungefähr an Geld auftreiben müssen. Es war aber strengstens verboten für Emigranten in Belgien zu arbeiten. Alle Emigranten bekamen Hilfe von irgendeinem Komitee. Es gab verschiedene Komitees. Es gab das jüdische Komitee, das natürlich die größte Last und die kleinste Menge Geld auszahlte. Es gab dann noch die katholische Hilfe und andere kirchliche Organisationen, dann gab es das Matteotti-Komitee von den Sozialdemokraten, die ganz gut geholfen haben.
Und dann die Rote Hilfe von der Kommunistischen Partei, die auch nicht sehr großzügig waren, weil sie auch nicht so viel gehabt haben. Heini wurde vom jüdischen Komitee unterstützt und ich bin vom Matteotti-Komitee anerkannt worden. Ich habe mich darauf berufen, dass ich schon so lange bei den Roten Falken war. Und als ich nach Brüssel kam, haben mir Freunde, die ich aus Wien kannte und die in derselben Lage waren wie ich, geraten, ich solle versuchen vom Matteotti-Komitee anerkannt zu werden. Wenn man noch nicht vom Komitee anerkannt war, bekam man aber Bons, mit denen man in der Volksküche essen konnte. Und dort lernten wir dann die ersten Emigranten kennen. Ich wurde sehr bald vom Komitee angenommen und habe dann etwas mehr Geld bekommen als die, die vom jüdischen Komitee Geld bekamen.